Eine Tankstelle fürs Selbstbewusstsein

05.05.14: Gemeinsames Dach für Werkstatt und Integrationsfirmen im Virngrund

Anfang Mai wurde im Ellwanger Gewerbegebiet Neunstadt eine neue Produktionsstätte eingeweiht. Sie beherbergt Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung bei drei verschiedenen Arbeitgebern. So werden Übergänge auf den ersten Arbeitsmarkt gefördert.

Errichtet wurde das neue Betriebsgebäude in unmittelbarer Nachbarschaft des bisherigen Standorts, an dem die Inklusionsfirma Zemo auf modernen CNC-gesteuerten Maschinen Metallteile bearbeitet hat. In einem anderen, ebenfalls benachbarten Gebäude, war bislang eine Arbeitsgruppe der Werkstatt für behinderten Menschen (WfbM) des Rabenhofs tätig, ebenfalls in der Metallbearbeitung. Beide konnten nun in das neue Betriebsgebäude umziehen, das vom bisherigen Vermieter, der Familie Schlagenhauf, errichtet wurde. Neu hinzugekommen als dritter Mieter ist die Insiva GmbH. Das Tochterunternehmen der LWV.Eingliederungshilfe betreibt als Inklusionsfirma die Kantine und ist für die Reinigung der Räumlichkeiten zuständig. Mit dem Kantinenbetrieb, der auch Mitarbeitern umligender Firmen offen steht, wird auch eine Begegnungsmöglichkeit für Menschen mit und ohne Behinderung geschaffen.

Alle drei Betriebe haben im neuen Betriebsgebäude ihre eigenen Bereiche, die nach den jeweiligen Erfordernissen gestaltet wurden. Mit dem Neubau wurde es nun möglich, eine weitere Werkstatt-Gruppe des Rabenhofs hier zu integrieren, die Montagearbeiten ausführt. Der Bezug der neuen Räumlichkeiten entspricht den Prinzipien der Inklusion: Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung befinden sich hier in einem ganz normalen industriellen Umfeld. Die Werkstatt ist räumlich kein Teil einer Behinderteneinrichtung, sondern sie befindet sich in einem Gewerbegebiet inmitten anderer Firmen.

Auch für die Arbeitsabläufe bietet sich die Kombination von Metallbearbeitung und Montage an. Synergieeffekte können besser genutzt werden, die Fertigungstiefe wird gesteigert. Vor allem aber befinden sich Werkstatt-Arbeitsplätze und solche des allgemeinen Arbeitsmarktes, zu denen Inklusionsfirmen zählen, unter einem gemeinsamen Dach. Dahinter stehen konzeptionelle Überlegungen mit dem Ziel, Übergänge zwischen geschütztem und allgemeinem Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung möglichst barrierefrei zu gestalten.

Perspektiven bietet dieser Neubau auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Insiva GmbH, die ein Tochterunternehmen der LWV.Eingliederungshilfe ist. Bislang versorgt die Insiva vor allem in der Region um Reutlingen und Tübingen aus einer hochmodernen Küche Schulen, Kindertagesstätten, Behörden- und Firmenkantinen mit gesundem Essen. In Ellwangen soll das Geschäftsfeld schon bald durch Vesper-Service und Catering-Angebote auf die umliegenden Firmen und die Region insgesamt ausgedehnt werden. Damit kann die Insiva weitere Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung in einem Dienstleistungs-Sektor schaffen.

Bei der offiziellen Einweihung Anfang Mai besuchte eine große Zahl von Gästen die Halle im Virngrund. In seiner Begrüßung erläuterte L.EH-Geschäftsführer Joachim Kiefer, weshalb die „auf den ersten Blick für ein Gewerbegebiet nicht unübliche Produktionsstätte sich bei näherer Betrachtung von als etwas durchaus Ungewöhnliches erweist“. Mit Blick auf die erwünschten Übergänge für Menschen mit Behinderung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt sei die hier mögliche Durchlässigkeit „ein nicht hoch genug einzuschätzender Vorteil“, so Kiefer. Nicht immer machten körperliche oder psychische Beeinträchtigungen ein berufliches Fortkommen für Menschen mit Behinderung so schwierig. „Gerade Menschen, die seit langer Zeit in der gewohnten Umgebung einer Komplexeinrichtung gelebt und gearbeitet haben, spüren manchmal Ängste vor Veränderungen“, sagte Kiefer, der auch Geschäftsführer der Inklusionsfirma Insiva ist.

Auf die Bedeutung von Inklusionsfirmen für berufliche Übergänge wies auch Senator e.h. Prof. Roland Klinger in seinem Grußwort hin. Er war in einer Doppelfunktion zur Eröffnung des Neubaus angereist: Als beauftragter Direktor des Landeswohlfahrtsverbands i.A. vertritt Prof. Klinger den Gesellschafter der Inklusionsfirma Zemo, die bei ihrer Gründung durch den Landeswohlfahrtsverband im Jahr 1993 eine der ersten Inklusionsfirmen überhaupt war. Als Direktor des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg verwies er darauf, dass trotz glänzender Wirtschaftslage viele Betriebe ihre vorgeschriebene Beschäftigungsquote für Menschen mit Behinderung in Höhe von fünf Prozent nicht erfüllen. „Auch im Ostalbkreis beträgt die Quote nur 4,4 Prozent“, so Prof. Klinger, insgesamt gebe es 17.000 arbeitslose Menschen mit Behinderung im Land. Er hatte eine konkrete Gegenmaßnahme zum Festakt mitgebracht: Prof. Klinger überreichte einen Förderbescheid in Höhe von 88.000 Euro an die beiden Geschäftsführer der Zemo GmbH, Hans Löcher und Albert Lenz. Mit dem Geld werden zwei zusätzliche Arbeitsplätze gefördert, auf die bisherige Auszubildende nun übernommen werden können.

Josef Rettenmaier, Sozialdezernent des Ostalbkreises, sprach in seinem Grußwort von einem „Tag der Freude“. Mitten im wirtschaftlichen Herzen Ellwangens werde ein vorbildhaftes Projekt der Integration geschaffen. Arbeitsplätze, an denen Menschen mit Behinderung tagtäglich ihre Kompetenzen und Fertigkeiten unter Beweis stellen könnten, seien eine „Tankstelle fürs Selbstbewusstsein“, so Rettenmaier. Er sei überzeugt, dass es bei allen Anstrengungen für Inklusion auch immer einen Personenkreis geben werde, der auf Sondereinrichtungen angewiesen sei.

Ellwangens Oberbürgermeister Karl Hilsenbek beglückwünschte den Rabenhof zu einem weiteren dezentralen Angebot und betonte, dass sich „soziale Einrichtungen in unserer Stadt wohlfühlen“ könnten. Er überreichte als Geschenk ein aktuelles Luftbild vom neuen Gebäude. Hans Löcher, Geschäftsführer der Inklusionsfirma Zemo, sprach von einem „lange gehegten Wunsch“, der mit dem Bezug des Neubaus in Erfüllung gehe. 80 Auftraggeber aus der Region beliefert die Zemo 21 Jahre nach ihrer Gründung, gut 20 Mitarbeiter sind allein in der Fertigung beschäftigt. Die neuen Räume böten nicht nur bessere Arbeitsbedingungen, sondern auch ein repräsentativeres Ambiente für Kunden und Auftraggeber, sagte Löcher.

Rainer Klumpp vom Werkstattrat des Rabenhofs bestätigte den Besuchern zum Abschluss, dass trotz anfänglicher Bedenken „noch niemand den Wechsel bereut“ habe, dessen Arbeitsplatz vom Rabenhof in den Virngrund umgezogen sei.
Stephan Gokeler

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